Religion hat die Kraft, die Menschen zum Guten zu bewegen - Autobiografie - Sun Myung Moon - Mein Leben für den Weltfrieden

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- Kapitel 6 - Liebe führt zu Vereinigung -



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Religion hat die Kraft, die Menschen zum Guten zu bewegen


Am 2. August 1990 marschierte der irakische Präsident Saddam Hussein in Kuwait ein und riskierte damit einen Krieg am Persischen Golf. Dieses Gebiet war schon lange ein Pulverfass und ich konnte sehen, wie die Welt Gefahr lief, in den Strudel eines Krieges hineingerissen zu werden. Ich kam zu dem Schluss, dass christliche und muslimische Leiter zusammenkommen müssten, um dem Konflikt Einhalt zu gebieten. Ich handelte sofort und tat alles mir Mögliche, um einen Krieg zu verhindern, in dem mit Sicherheit viele unschuldige Menschen sterben würden.


Am 2. Oktober lud ich zu einer kurzfristig anberaumten Dringlichkeitskonferenz des Rates der Weltreligionen nach Kairo, Ägypten, ein, um den höchsten geistlichen Autoritäten des Nahen Ostens und der muslimischen Welt meine dringende Friedensbotschaft zu übermitteln.


Viele wunderten sich, warum ich, ein Mensch ohne offensichtliche Bindungen im Nahen Osten, eine solche Zusammenkunft einberief. Ich bin einfach der Meinung, dass jede Religion zum Weltfrieden beitragen sollte. Ein Konflikt zwischen Christentum und Islam würde noch sehr viel schlimmer sein als der Konflikt zwischen Demokratie und Kommunismus. Es gibt nichts, was beängstigender ist als ein religiös motivierter Krieg.

Ich sandte eine Botschaft an Präsident George H. W. Bush, der bereits Anstrengungen unternahm, den Konflikt zu begrenzen, und bat ihn dringend, einen Krieg mit der arabischen Welt unbedingt zu vermeiden und stattdessen daran zu arbeiten, Saddam Hussein auf diplomatischem Weg zum Rückzug zu bewegen. Präsident Bush mag geglaubt haben, dass er nur einen Krieg gegen den Irak führen würde, aber Muslime denken anders darüber. Für Muslime hat Religion einen höheren Stellenwert als der Nationalstaat. Ich war sehr besorgt, dass die arabische Welt sich den Gegnern der Vereinigten Staaten und der christlichen Welt anschließen würde, sollte der Irak angegriffen werden.

An unserer Dringlichkeitskonferenz in Kairo beteiligten sich führende muslimische Leiter und Großmuftis aus neun Ländern, die Großmuftis von Syrien und Jemen eingeschlossen. Im Mittelpunkt des Treffens stand mein dringender Appell an die arabische und muslimische Welt, Saddam Husseins Behauptung, dass dies ein heiliger Krieg sei, nicht zu unterstützen. Ob nun die USA oder der Irak den Krieg gewinnen würde, was wäre schon gut an diesem Krieg? Welchen Wert hätte es, wenn es Bomben hageln würde, die Häuser, Schulen und wertvolles, unschuldiges Leben zerstören würden?

Die Konferenz in Kairo war nur eine unserer vielen Friedensbemühungen. Jedes Mal, wenn im Nahen Osten eine Krise entstand, arbeiteten unsere Mitglieder furchtlos und unter Einsatz ihres Lebens in gefährlichen Szenarien. Während in Israel und Palästina Gewalt und Terror herrschten, brachen unsere Mitglieder von einem Moment auf den anderen zu Reisen auf, um mit führenden Organisationen für den Frieden zusammenzuarbeiteten.

Ich habe immer ein banges Gefühl, wenn ich unsere Mitglieder an Orte schicken muss, an denen ihr Leben gefährdet ist. Aber das lässt sich nicht vermeiden, wenn man für den Frieden arbeitet. Ich mag gerade in Brasilien sein und in der prallen Sonne einen Acker bearbeiten oder weit entfernt in Afrika eine Rede halten, aber mein Herz fühlt sich ständig zu den Mitgliedern hingezogen, die darauf beharren, in dem gefährlichen Gebiet des Nahen Ostens zu arbeiten. Ich bete, dass schnell Frieden in diese Welt einziehen möge, damit ich unsere Mitglieder nicht mehr bitten muss, an solche Orte des Todes zu gehen.

Am 11. September 2001 packte uns alle das kalte Grauen, als die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York von Terroristen zerstört wurden. Einige Leute meinten, dass dies ein unvermeidliches Zusammenprallen der Zivilisationen von Islam und Christentum gewesen sei. Aber ich bin anderer Ansicht. In ihrer reinsten Form sind Christentum und Islam keine Religionen des Konflikts oder der Konfrontation. Beide legen Wert auf Frieden. Aus meiner Sicht ist es engstirnig, den Islam insgesamt als radikal zu bezeichnen, genauso ist es engstirnig, zu behaupten, dass Islam und Christentum fundamental verschieden seien. Die Essenz aller Religionen ist dieselbe.

Gleich nachdem die Zwillingstürme eingestürzt waren, rief ich religiöse Leiter aus New York und dem ganzen Land zum Gebet auf und bat sie, sich um die Opfer und die Ersthelfer am Ground Zero zu kümmern. Im Oktober habe ich dann in New York eine bedeutende interreligiöse Friedenskonferenz einberufen. Unsere Konferenz war die erste internationale Zusammenkunft in New York nach dieser Tragödie.

Diese tiefgreifenden Beiträge zum Frieden in Kriegszeiten kamen nicht von ungefähr. Seit Jahrzehnten habe ich in die Förderung interreligiöser Harmonie investiert. Auf der Grundlage dieses Einsatzes haben wir das Vertrauen von führenden Leitern der verschiedenen Glaubensrichtungen gewonnen, die bereit waren, während der Intifada nach Israel zu reisen oder nach den Angriffen vom 11. September nach New York zu kommen.

1984 brachte ich 40 religiöse Gelehrte an einen Tisch und gab ihnen den Auftrag, die Lehren aus den Heiligen Textbüchern von Christentum, Islam, Buddhismus und anderen wichtigen Weltreligionen miteinander zu vergleichen. Das Buch, das aus ihren Bemühungen hervorging, heißt „World Scripture: A Comparative Anthology of Sacred Texts“ (Heilige Schriften der Welt: eine vergleichende Anthologie von heiligen Texten) und wurde im Jahr 1991 veröffentlicht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die heiligen Schriften der Religionen in mehr als 70 Prozent der Fälle ähnliche oder gleichartige Lehren übermitteln. Die restlichen 30 Prozent sind Lehren, die Besonderheiten der jeweiligen Religion darstellen. Das bedeutet, dass ein Großteil der Lehren der großen Weltreligionen im Wesentlichen gleich ist. Nach außen hin tragen einige Gläubige Turbane, andere tragen Gebetsperlen um ihren Hals, wieder andere tragen ein Kreuz, aber alle streben sie nach den fundamentalen Wahrheiten des Universums und versuchen, den Willen des einen Gottes zu verstehen.

Oft werden Menschen zu Freunden, auch wenn alles, was sie verbindet, nur ein spezielles Hobby ist. Wenn sich zwei Fremde treffen und entdecken, dass sie aus derselben Heimatstadt kommen, können sie sofort miteinander reden, als ob sie sich schon seit Jahrzehnten kennen würden. Darum ist es wirklich tragisch, dass Religionen, die mehr als 70 Prozent ihrer Lehren miteinander teilen, sich immer noch schwertun, einander zu verstehen und offen miteinander zu kommunizieren. Sie könnten über ihre Gemeinsamkeiten sprechen und könnten einander an den Händen halten. Stattdessen betonen sie ihre Unterschiede und kritisieren einander.

Alle Religionen der Welt sprechen über Frieden und Liebe. Dennoch bekämpfen sie einander um des Friedens und der Liebe willen. Israel und Palästina sprechen von Frieden und Gerechtigkeit, doch beide wenden Gewalt an bis zu dem Punkt, an dem Kinder bluten und sterben. Das Judentum, die Religion Israels, ist eine Religion des Friedens. Das Gleiche gilt für den Islam.

Unsere Erfahrungen beim Zusammenstellen von World Scripture geben uns die Überzeugung, dass es nicht die Religionen der Welt sind, die sich irren, sondern die Art und Weise, wie Glauben gelehrt wird. Schlechter Religionsunterricht erzeugt Vorurteile und Vorurteile führen zu Konflikten. Muslime wurden nach dem Angriff am 11. September als Terroristen gebrandmarkt. Aber die überwiegende Mehrheit der einfachen, gläubigen Familien sind friedliebende Menschen, genau wie wir.

Der verstorbene Jassir Arafat führte die Palästinenser eine lange Zeit. Wie alle politischen Führer hatte auch er auf Frieden gehofft, aber er war auch am Unfrieden in der Region beteiligt. Als Vorsitzender der Palästinensischen Befreiungsorganisation verkörperte Arafat die Entschlossenheit, den Gazastreifen und das Westjordanland zu einem unabhängigen Palästinenserstaat zu machen. Viele behaupten, dass er sich nach seiner Wahl zum Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde im Jahre 1996 von seinen früheren Mitstreitern abwandte und von da an extremistische Organisationen von ihren Aktivitäten abhielt.

Im Rahmen der Suche nach Frieden im Nahen Osten trat ich zwölf Mal bei unterschiedlichen Gelegenheiten mit Arafat in Verbindung. Meine Worte, die ich an ihn richtete, änderten sich dabei nicht. Gottes Weg ist immer der Weg der Harmonie und strebt nach Frieden.

Der Weg zu Arafats Büro war im wahrsten Sinne des Wortes schwierig. Jeder, der sich seinem Büro näherte, musste auf seinem Weg dort-hin an schwerbewaffneten Wachen vorbei und mindestens drei Körperkontrollen über sich ergehen lassen. Aber wenn unsere Mitglieder ankamen, hieß Arafat, der seine Kufiya (traditionelle Kopfbedeckung) trug, sie immer herzlich willkommen.

Diese Art von Beziehungen können nicht in ein oder zwei Tagen aufgebaut werden. Sie entwickelten sich in den Jahren, in denen unsere ganze Ernsthaftigkeit und Hingabe in den Frieden im Nahen Osten einfloss. Mühsame Anstrengungen und die stetige Bereitschaft, in den von Terror gebeutelten Konfliktgebieten unser Leben zu riskieren, ebneten den Weg dafür, dass uns die religiösen und politischen Leiter auf dieser Ebene willkommen hießen. Es kostete eine Menge Ressourcen. Schließlich konnten wir das Vertrauen sowohl von Arafat als auch von führenden israelischen Persönlichkeiten gewinnen, die es uns erlaubten, während des Ausbruchs von Konflikten im Nahen Osten eine Mittlerrolle zu spielen.

Das erste Mal betrat ich Jerusalem im Jahr 1965. Das war vor dem Sechstagekrieg und Jerusalem war noch ein von Jordanien kontrolliertes Gebiet. Ich ging zum Ölberg, wo Jesus im Gebet Tränen und Blut vergossen hatte, kurz bevor er an den Hof des Pontius Pilatus gebracht wurde. Ich berührte die Rinde eines 2000 Jahre alten Olivenbaumes, der in jener Nacht Zeuge von Jesu Gebet gewesen sein könnte. Ich schlug drei Nägel in diesen Stamm, einen für das Judentum, einen für das Christentum und einen für den Islam. Ich betete für den Tag, an dem diese drei Glaubensfamilien eins werden würden. Weltfrieden kann es nicht geben, solange Judentum, Christentum und Islam nicht eins werden. Diese drei Nägel sind noch immer dort.

Judentum, Islam und Christentum sind in der heutigen Welt scharf voneinander getrennt, aber sie haben eine gemeinsame Wurzel. Der Streitpunkt, der sie an dieser Trennung festhalten lässt, ist ihr Verständnis von Jesus. Um dieses Problem anzugehen, bat ich am 19. Mai 2003 Christen darum, die Bedeutung des Kreuzes in den Beziehungen innerhalb der abrahamitischen Religionen weniger zu betonen. Deshalb führten wir eine Zeremonie durch, in der wir das Kreuz abnahmen. Wir brachten ein Kreuz aus Amerika, einer vorwiegend christlichen Kultur, und begruben es auf dem Blutacker in Israel. Das ist jenes Feld, das mit den 30 Silberlingen gekauft wurde, die Judas Iskariot für den Verrat an Jesus erhalten hatte, der dann zur Kreuzigung führte.

Später in jenem Jahr, am 23. Dezember, kamen etwa 3.000 Friedensbotschafter aus allen Religionen und aus der ganzen Welt mit 17.000 Israelis und Palästinensern im Unabhängigkeitspark in Jerusalem zusammen, um symbolisch die Dornenkrone von Jesu Haupt zu entfernen und durch eine Friedenskrone zu ersetzen. Danach marschierten sie für den Frieden durch Jerusalem. Die Gemeindeverwaltung hatte die Erlaubnis erteilt und beschützte uns. Palästinensische und israelische Familien unterstützten unseren Friedensmarsch, indem sie Lichter vor ihren Häusern entzündeten.

Durch diesen Marsch, der über das Internet live in die ganze Welt ausgestrahlt wurde, verkündete ich, dass Jesu Autorität als Friedenskönig wiederhergestellt war. Nach Jahrhunderten, die durch Missverständnisse und Trennung bestimmt waren, wurde eine Gelegenheit für Christentum, Judentum und Islam geschaffen, sich miteinander zu versöhnen.

Die Al-Aqsa-Moschee, die drittheiligste Moschee im Islam nach den großen Moscheen in Mekka und Medina, steht in Jerusalem. Sie steht an dem Ort, von dem gesagt wird, dass der Prophet Mohammed von dort in den Himmel aufgefahren sei. Unsere Gruppe war die einzige gemischt-religiöse Gruppe, die in allen Bereichen dieses Hauses der Anbetung willkommen geheißen wurde. Die Leiter der Moschee führten die christlichen und jüdischen Leiter, die am Friedensmarsch teilgenommen hatten, in die heiligen Räume der Moschee. Wir konnten eine Tür öffnen, die fest verschlossen war, und ebneten den Weg für viele muslimische Leiter, auf einer neuen Ebene mit ihren christlichen und jüdischen Brüdern und Schwestern zu kommunizieren.

Menschen mögen Frieden, aber sie finden auch Gefallen an Konflikten. Menschen können die friedlichsten aller Tiere hernehmen und sie dazu bringen, miteinander zu kämpfen. Sie bringen Hähne dazu, mit ihren scharfen Schnäbeln aufeinander einzuhacken, bis sie tiefe Wunden ins Fleisch reißen. Und gleich darauf drehen sich dieselben Leute um und sagen zu ihren Kindern: „Streitet euch nicht mit euren Freunden. Spielt schön brav miteinander.“

Der fundamentale Grund für die Entstehung von Kriegen liegt nicht in den Religionen oder Rassen. Es hängt mit etwas tief im Innersten der Menschen selbst zusammen. Die Leute schreiben die Ursache für bewaffnete Konflikte gern solchen Dingen wie der Wirtschaft oder der Wissenschaft zu, aber tatsächlich liegt das grundlegende Problem in uns Menschen selbst.

Der Zweck der Religion ist es, die Menschen zum Guten zu führen und ihre böse Natur zu überwinden, die Freude am Streit hat. Untersuchen Sie die großen Religionen der Welt. Alle glauben an das Ideal einer friedlichen Welt. Alle möchten ein Himmelreich Gottes sehen, ein Utopia oder Paradies. Religionen haben verschiedene Namen für dieses Ideal, aber alle sehnen sich nach einer solchen Welt. Es gibt zahlreiche Religionen auf der Welt und praktisch jede ist unterteilt in unzählige Splittergruppen und Glaubensrichtungen. Aber die grundlegende Hoffnung ist bei allen dieselbe: Sie wünschen sich das Himmelreich und eine Welt des Friedens. Das Herz des Menschen wurde im Innersten durch Gewalt und Feindseligkeiten zerrissen. Das Königreich der Liebe wird es heilen.




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